Fachbereich Wissen
Bedeutung und Erhalt historischer Bleiverglasungen
Bleiverglasungen stellen ein zentrales Kulturgut der europäischen Bau- und Kunstgeschichte dar. Ihre Entstehung ist untrennbar mit den handwerklichen und technologischen Möglichkeiten der jeweiligen Epoche verbunden. Da bis in die Neuzeit hinein keine grossformatigen, ebenen Glasscheiben hergestellt werden konnten, entwickelte sich die Bleiverglasung als konstruktive Lösung zur Ausbildung transparenter Bauteilflächen aus kleinformatigen Glasstücken. Das verwendete Blei eignete sich aufgrund seiner Weichheit, Dauerhaftigkeit und guten Verformbarkeit in besonderem Masse als verbindendes Material.
Bereits in der Spätantike bekannt, erlangte die Bleiverglasung vor allem im Mittelalter und in der frühen Neuzeit grosse Bedeutung. Insbesondere im sakralen Bauwesen wurde sie zu einem prägenden Gestaltungselement. Fensteröffnungen übernahmen nicht nur eine funktionale Rolle als Lichtquelle, sondern wurden zu bildtragenden Flächen mit hohem symbolischem und künstlerischem Wert. Die Bleiruten bildeten dabei ein fein abgestimmtes, flexibles Tragsystem, das die Gläser aufnahm und zugleich Bewegungen aus Temperaturänderungen, Windlasten und Bauwerksverformungen ausgleichen konnte.
Denkmalpflege
Aus denkmalpflegerischer Sicht ist hervorzuheben, dass historische Bleiverglasungen stets als handwerkliche Einzelanfertigungen ausgeführt wurden. Jedes Fenster stellt ein Unikat dar, geprägt durch individuelle Glaszuschnitte, Profilquerschnitte der Bleiruten, Löttechniken und Kittrezepturen. Das hierfür erforderliche Wissen wurde über Generationen hinweg innerhalb eines spezialisierten Handwerks weitergegeben.
Historische Bleiverglasungen sind als komplexe Verbundsysteme aus Glas, Blei und organischen Dichtstoffen zu verstehen. Diese Materialien unterliegen natürlichen Alterungsprozessen, die aus denkmalpflegerischer Perspektive nicht primär als Schaden, sondern als Teil der Objektgeschichte zu bewerten sind.
Die Sanierung historischer Bleiverglasungen folgt heute klaren denkmalpflegerischen Leitlinien. Im Vordergrund steht der Grundsatz der Substanzerhaltung vor Erneuerung. Eingriffe sollen minimal, reversibel und nachvollziehbar ausgeführt werden.
Ein zunehmendes Problem im Umgang mit historischen Bleiverglasungen ist der drastische Rückgang qualifizierter Fachkräfte. Der klassische Beruf des Glasmalers und Bleiverglasers existiert heute nur noch in wenigen spezialisierten Werkstätten.
Bleiverglasungen am Brannhof Zürich
Die Scholz AG als Kunstglaserei, Glaskunst und Glasmalerei aus Rümlang, gehört mit Vater Dieter und seinen beiden Söhnen Patrick und Roger zu den wenigen Handwerksstätten in der Schweiz, welche diese Künste erlernt und heute mit Herz und Seele täglich ausüben. Das Ergebnis ihres Könnens zeigt sich aktuell an den weit über hundert sanierten Bleiverglasungen am gesamtheitlich sanierten Gebäude Brannhof an der Bahnhofstrasse in Zürich. Die ausgebauten Bleiverglasungselemente mussten in allen Bereichen der einzelnen Arbeitsschritte aufgearbeitet werden und in die bestehenden Holzrahmen und Stahlflügel wieder eingesetzt und abgedichtet werden.
Bleiverglasungen sind und bleiben bei qualifiziertem Erhalt, bedeutende Zeugnisse historischer Bau- und Handwerkskunst. Ihr Erhalt ist nicht nur eine bauliche Aufgabe, sondern ein Beitrag zur Sicherung immateriellen Kulturerbes.
Verfasser: Remo Kunz, Baugutachter - EMBA


