Fachbereich Wissen
1. Grundverständnis
Kreislaufwirtschaft in der Fassadenplanung bedeutet, Fassaden nicht nur auf ihre unmittelbare Funktion während der Nutzungsphase zu reduzieren, sondern sie über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu betrachten. Ziel ist es, Materialien und Konstruktionen so zu planen, dass sie ressourcenschonend her-gestellt, langlebig genutzt, instandsetzbar und am Ende ihrer Nutzungsdauer möglichst zerstörungsfrei rückgebaut und in erweiterter Betrachtung wiederverwendet werden können.
Für die Fassadenplanung ist dieser Ansatz besonders relevant, da Fassaden einen hohen Anteil an material- und energieintensiven Bauteilen enthalten. Gleichzeitig beeinflussen sie den Energiebedarf des Gebäudes im Betrieb massgeblich. Kreislaufwirtschaft ist daher kein Zusatzthema, sondern ein integraler Bestandteil qualitätsvoller, zukunftsfähiger Fassadenplanung.
2. Lebenszyklusdenken als planerische Grundlage
Das Lebenszyklusdenken (Life Cycle Thinking) bildet die methodische Basis für eine kreislaufgerechte Fassadenplanung. Es betrachtet alle Phasen eines Fassadensystems – von der Rohstoffgewinnung über Herstellung, Transport und Montage bis zur Nutzung, dem Rückbau und der Weiterverwertung.
In der Praxis zeigt sich, dass insbesondere die Herstellungsphase bei Fassaden einen erheblichen An-teil der Umweltwirkungen verursacht. Materialien wie Aluminium, Glas oder Stahl weisen eine hohe graue Energie auf. Gleichzeitig wird mit zunehmender Energieeffizienz von Gebäuden der relative Anteil der Betriebsenergie geringer, wodurch die Bedeutung der grauen Energie weiter steigt.
Für Fachplaner bedeutet dies, dass konstruktive Entscheidungen, Materialwahl und Rückbaufähigkeit frühzeitig berücksichtigt werden müssen. Lebenszykluskennwerte wie Global Warming Potential (GWP), Primärenergiebedarf und angenommene Nutzungsdauer unterstützen dabei eine faktenbasierte Entscheidungsfindung.
3. Materialwahl und Ressourceneffizienz
Die Materialwahl ist einer der wirkungsvollsten Hebel zur Umsetzung der Kreislaufwirtschaft in der Fassadenplanung. Materialien unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihres Energieaufwands in der Herstellung, ihrer Lebensdauer sowie ihrer Recycling- und Wiederverwendungsfähigkeit.
Kreislauffähige Materialien zeichnen sich durch eine möglichst geringe graue Energie, eine hohe Dauerhaftigkeit und eine sortenreine Trennbarkeit aus. Der Einsatz von Recyclingmaterialien, insbesondere bei Metallen wie Aluminium (bis zu 99%), kann den Energiebedarf in der Herstellung drastisch reduzieren. Glas sollte bevorzugt monolithisch oder in trennbaren Systemen eingesetzt werden, um ein hoch-wertiges Recycling zu ermöglichen. Holz bietet als nachwachsender Rohstoff ökologische Vorteile, er-fordert jedoch einen konsequenten konstruktiven Schutz und eine emissionsarme Behandlung.
Für die Planung sind Umweltproduktdeklarationen (EPD`s) ein zentrales Instrument. Sie schaffen Transparenz, ermöglichen den Vergleich von Produkten und bilden die Grundlage für Ökobilanzen und Nachhaltigkeitsnachweise.
4. Konstruktion und demontagefreundliches Design
Ein zentrales Element der Kreislaufwirtschaft im Fassadenbau ist das demontagefreundliche Design (Design for Disassembly). Ziel ist es, Fassaden so zu konstruieren, dass sie am Ende ihrer Nutzungsdauer ohne Zerstörung in ihre Bestandteile zerlegt werden können.
Konstruktiv bedeutet dies den Einsatz mechanischer Verbindungen, klar definierter und trennbarer Schichtaufbauten sowie modularer Fassadensysteme. Verklebungen und untrennbare Verbundstoffe erschweren den Rückbau erheblich und führen häufig zu Downcycling oder Entsorgung.
Neben den ökologischen Vorteilen bietet eine demontagefreundliche Konstruktion auch funktionale Mehrwerte: Wartung, Reparatur und spätere Anpassungen während der Nutzungsphase werden erleichtert, wodurch sich die Lebensdauer der Fassade verlängert, und ihre Wirtschaftlichkeit verbessert.
5. Wiederverwendung und Recycling
Die Wiederverwendung von Fassadenbauteilen (Re-Use) stellt die hochwertigste Form der Kreislaufführung dar. Sie ist jedoch nur dann realistisch, wenn Bauteile mechanisch verbunden, gut zugänglich und beschädigungsfrei demontierbar sind. Standardisierte Geometrien und dokumentierte Materialeigenschaften erhöhen die Chancen für eine spätere Wiederverwendung erheblich.
Ist eine Wiederverwendung nicht möglich, kommt dem Recycling eine zentrale Bedeutung zu. Voraus-setzung hierfür sind sortenreine Materialien und trennbare Schichten. Ziel ist ein möglichst hochwertiges Recycling im Sinne eines Closed-Loop-Ansatzes, bei dem Materialien erneut in gleichwertigen Anwendungen eingesetzt werden können.
Bereits in der Planungsphase werden die Weichen für diese Verwertungswege gestellt. Konstruktion und Materialwahl entscheiden darüber, ob Materialien im Kreislauf gehalten werden können oder als Abfall enden.
6. Nachhaltigkeit, Energie und Zielkonflikte
Die Fassade beeinflusst sowohl die graue Energie als auch den Energiebedarf im Betrieb. Wärmeschutz, Luftdichtheit, Sonnenschutz und Tageslichtnutzung sind zentrale Stellgrössen für den Heiz-, Kühl- und Beleuchtungsenergiebedarf eines Gebäudes.
Mit zunehmender Energieeffizienz von Neubauten gewinnen Zielkonflikte zwischen Materialeinsatz und energetischer Wirkung an Bedeutung. Ein hoher Materialaufwand kann energetische Vorteile im Betrieb teilweise kompensieren oder sogar überwiegen. Eine kreislaufgerechte Fassadenplanung zielt daher auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Materialeinsatz, energetischer Performance und Nutzungsdauer ab.
Die Integration aktiver Systeme wie Photovoltaik kann die Gesamtbilanz verbessern, sollte jedoch eben-falls lebenszyklusbezogen bewertet werden.
7. Bauprozess, Logistik und Umsetzung
Auch Bauprozess und Logistik haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die ökologische Bilanz einer Fassade. Transportdistanzen, Bauteilgewicht, Vorfertigungsgrad und Montageaufwand wirken sich direkt auf Energieverbrauch, Emissionen und Bauzeit aus.
Leichte, vormontierte Fassadensysteme mit einfachen Steck- oder Schraubverbindungen reduzieren den Montageaufwand auf der Baustelle und tragen zu einer effizienteren und fehlerärmeren Ausführung bei. Diese Aspekte sollten bereits in frühen Planungsphasen berücksichtigt werden.
8. Zusammenarbeit und Verantwortung
Kreislaufwirtschaft in der Fassadenplanung kann nur im Zusammenspiel aller Projektbeteiligten erfolgreich umgesetzt werden. Bauherren definieren Nachhaltigkeitsziele, Planer übersetzen diese in kon-struktive Lösungen, Hersteller liefern transparente Produktdaten und die Ausführung setzt die Konzepte fachgerecht um.
Digitale Werkzeuge wie BIM-Modelle und Materialpässe unterstützen die Dokumentation und schaffen die Grundlage für Rückbau, Wiederverwendung und Recycling. Nachhaltigkeitsanforderungen müssen verbindlich in Ausschreibung und Vergabe integriert werden, um eine tatsächliche Umsetzung sicherzustellen.
Fazit
Kreislaufwirtschaft in der Fassadenplanung ist ein technisches und systemisches Planungsprinzip. Sie verbindet Materialeffizienz, demontagefreundliche Konstruktionen, reduzierte graue Energie und hohe Anpassungsfähigkeit zu einer zukunftsfähigen Gebäudehülle.
Für Fachplaner bedeutet dies, Fassaden nicht als statische Bauteile zu betrachten, sondern als langfristige Systeme, deren Qualität sich über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg bewähren muss.
Verfasser: Remo Kunz, Baugutachter - EMBA

